Tourismus und Stadtmarketing Enns GmBH

Glocken im Stadtturm

Über 95 Steinstufen, entlang der vier Außenwände, erreichen wir die Glockenstube. Die 6 Glocken werden als Maximilian-, Marien-, Herz Jesu-, Floriani-, Josefi- und Leopoldiglocke bezeichnet.

Georgenberger Handfeste

Der im Todesjahr seines Vaters (1164) geborene Otakar IV. war bei seiner Erhebung zum Herzog ge- rade großjährig geworden. Doch waren ihm nur ein paar unbeschwerte Jahre in seiner neuen Würde vergönnt. Um 1184 wurde offenbar, dass er an einer unheilbaren Krankheit litt (Aussatz?) und dazu verurteilt war, als letzter seines Geschlechtes zu sterben, ohne Nachfolger in die Welt setzen zu können.

Zwei Jahre lang verhandelte er mit Herzog Leopold V. von Österreich um sein Erbe. Des Kaisers Erlaubnis musste eingeholt werden, Kirchen und Klöster, darunter das "Hauskloster" Garsten, wurden mit reichen Geschenken bedacht und die eigenen Anhänger, Dienstmannen und Grafen, mussten für den Plan gewonnen werden.

Im August 1186 war es dann soweit: Die Georgenberger Handfeste wurde abgefasst und am Georgenberg, dort wo bereits ca. 400 Jahre zuvor die engsten Vertrauten Karls des Großen einen Gerichtstag abgehalten hatten, wurde der Vertrag im Beisein der österreichischen und steirischen Großen proklamiert: Leopold V., und nach ihm sein Sohn Friedrich, sollten nach dem bald zu erwartenden Hinscheiden Otakars IV. die Regentschaft in der Steiermark übernehmen und in Personalunion beide Herzogtümer regieren.

Die Selbständigkeit des Landes Steier(mark) sollte dadurch nicht angetastet werden. Unter "Land" haben wir uns übrigens zu dieser Zeit nicht einen genau abgegrenzten geographischen Raum vorzustellen. Ein Land wurde von jenen Dienstmannen, Grafen, Amtsträgern und sonstigen Großen gebildet, die das Taiding, den Gerichtstag eines übergeordneten Fürsten besuchten. Jener war auf sie, auf ihre Güter und Untertanen sowie auf ihre ritterlichen Knechte angewiesen. Wechselte ein Großer des Landes die Partei und suchte er den Gerichtstag eines anderen Fürsten auf, dann fiel auch jenes Gebiet, das er beherrschte, an den neuen Herren.

Die Großen der Steiermark ließen sich dieses Recht vom österreichischen Herzog in der Handfeste neben anderen Zugeständnissen ausdrücklich verbriefen. Man hätte wohl annehmen können, dass dieser Vertrag vielleicht in Hartberg oder Graz abgeschlossen hätte werden müssen; allenfalls vielleicht in Steyr, jener Burg, nach der sich das Geschlecht benannte. Doch es wurde Enns gewählt. Man erinnert sich in diesem Zusammenhang natürlich an das zehn Jahre zuvor stattgefundene Treffen zwischen den Herzögen von Bayern und Österreich. Die Stadt an der Enns bot dafür den symbolreichsten Platz. Hier lag die Grenze zwischen Österreich und Steier(mark), hier bot eine neu erbaute Stadt die besten Möglichkeiten für eine würdige Zusammenkunft. Wieder einmal war Enns in den Mittelpunkt politischen Geschehens gerückt und zum Schauplatz österreichischer Geschichte geworden.

Sechs Jahre später (1192) starb zu Anfang Mai der todgeweihte Herzog Otakar IV. Sein Erbe Leopold V. beeilte sich, beim Kaiser um die Ratifizierung des Erbabkommens anzusuchen. Urkunden darüber fehlten zwar, aber die Erbschaft wurde von niemand anderem beansprucht. Als zwei Jahre später Leopold V. seinem großartigen Gönner ins Grab folgte, wurde nicht wie vereinbart Friedrich zum Herzog von Steier gekürt, sondern dessen Bruder Leopold VI. ( 1194-1230).

Herzog Friedrich I., dem Österreich zugesprochen worden war, starb bereits 1198, sodass die Herrschaft über Steier(mark) und Österreich wieder in einer Hand vereinigt werden konnte. Für Enns hätte sich durch den Erbfall theoretisch wenig ändern dürfen, und die Regensburger haben sich dies im Jahrmarktprivileg von 1191 auch noch garantieren lassen, doch die Realität muss anders ausgesehen haben. Leopold VI. - wahrscheinlich aber auch schon sein Vater betrieb einen konsequenten Landesausbau und eine neue Handelspolitik. Er erwarb die Städte Linz und Wels und verlegte die Maut von Mauthausen nach Linz. Er ordnete und strukturierte den Donauhandel völlig neu, indem er die Regensburger aus diesem Geschäft verdrängte.

Die Kaufleute aus Flandern erhielten für Wien ein eigenes Recht. Vielleicht diente auch dieses Privileg zur Ausschaltung des Regensburger Zwischenhandels. Alles in allem kann aus dem Vorgehen Leopolds VI. eine babenbergisch-österreichische, kaum aber eine pro-steirische Politik abgelesen werden. In dieser Situation ließen sich die Bürger von Enns das berühmte Stadtrecht vom Jahre 1212 ausstellen. Ganz gewiss ging es dabei nicht um die Erteilung neuer Privilegien, sondern um die Sicherung und Erhaltung der bereits vorhandenen.

Ganz sicher fühlten sich die Ennser damals noch als Untertanen des steirischen Herzogs, nicht als Österreicher. Es sei nur noch erwähnt, dass Leopolds VI. Vater als eine seiner letzten Taten die Städte Wiener Neustadt, Wien, Hainburg und Enns ummauern hatte lassen. Die Mittel dafür kamen aus England und waren für die Freilassung von König Richard Löwenherz erpresst worden.

Die oft geäußerte Meinung, dass das Ennser Stadtwappen den Georgenberger Vertrag versinnbildliche, ist in mehrfacher Hinsicht falsch. Das Wappenbild vereint nämlich den steirischen Panther und das
Grün der steirischen Landesfarben mit dem österreichischen Bindenschild in rot-weiß. Es stammt in dieser Form aus der Zeit Friedrichs II. des Streitbaren (1230-1246). Auch die Farbe grün für die Steiermark ist vermutlich neu und ihm zuzuschreiben. Für die aus Bayern stammende Familie der Otakare ist als Wappenfarbe nämlich unbedingt blau anzunehmen. Und so müsste auch das Wappen von Enns gefärbt gewesen sein, wenn es um die Zeit des Georgenberger Vertrages schon ein solches gegeben hätte, was aber erst zu beweisen wäre.

Der scriba ducis in Aneso

Die steirischen Dienstmannen wurden nicht recht froh mit den österreichischen Herrschern. Herzog Friedrich II. führte unentwegt Krieg mit seinen Nachbarn, wozu er die steirischen Dienstmannen anforderte. Selbst mit dem Kaiser legte er sich an, der denselben Namen (Friedrich II.) trug wie er. Der stupor mundi, "das Staunen der Welt", wie Zeitgenossen den ungewöhnlich fähigen Monarchen nannten, traf von Italien kommend zu Weihnachten 1236 in Graz ein, nachdem er seinen Namensvetter zuvor schon ächten hatte lassen.


Im Frühjahr des folgenden Jahres finden wir ihn bereits in Wien, das er zur Reichsstadt erklärte. Die meisten Gefolgsleute waren inzwischen vom österreichischen Herzog abgefallen, allen voran die steirischen. Friedrich II. der Streitbare konnte sich nur mehr in Wiener Neustadt und einigen umliegenden Burgen halten. Dem strategisch nicht besonders begabten Kaiser gelang es dennoch nicht, den unbotmäßigen Herzog zu besiegen. Die steirischen Dienstmannen und Großen blieben für ihr Verhalten nicht unbedankt: Kaiser Friedrich II. erneuerte ihnen die Handfeste, strich auf ihren Wunsch einige Paragraphen und fügte neue, gegen den Herzog von Österreich gerichtete, hinzu. Die Urkunde wurde an irgendeinem Tag des April 1237 neu ausgestellt. Wo? Selbstverständlich wieder in Enns!

Damit ist auch offenbar, dass Friedrich II. wie so viele große Kaiser vor ihm in Enns gewesen ist, ver- mutlich zur Zeit des Jahrmarktes. Gewöhnlich reiste Friedrich II. nicht mit einem riesigen Gefolge von Rittern, sondern viel lieber mit einer ausgefallenen Menagerie von seltenen Tieren. Eine aus Sarazenen gebildete Leibwache begleitete ihn. Es mag also ein sonderbares Schauspiel gewesen sein, das die Ennser im April 1237 zu sehen bekommen haben. Und sonderbar und unsicher mögen sie sich selbst gefühlt haben, denn die alteingesessenen Adeligen und Dienstmannen des Traungaues hatten sich am Aufstand gegen den Herzog nicht beteiligt! Sie hatten ihrem Herzog (Friedrich dem Streitbaren) die Treue gehalten und sich darin deutlich von den Kollegen in der Steiermark abgesondert. Die weitere Entwicklung sollte zeigen, dass sie sich sogar völlig von der Steiermark getrennt haben.

Kaiser Friedrich II. hat im Jahre 1237 das Land wieder verlassen, der Kampf ging aber bis zum Jahr 1239 weiter. Dann söhnten sich Kaiser und Herzog wieder aus. Zur Strafe wurden die Rechte der steirischen Adeligen in der Folge abermals stark beschnitten. Nicht so jene der Traungauer. Viele Anzeichen sprechen dafür, dass sie nun nicht mehr das Landtaiding der steirischen Herzogs, sondern jenes des Österreichischen aufsuchten und sich somit in Hinkunft als zu Österreich gehörig deklarierten. Zwar hatten beide Herzogtümer in Friedrich II. dem Streit- baren nur einen Herren, aber die Rechte unterschieden sich in den beiden Ländern doch erheblich. Vor allem war dem österreichischen Herzogtum nun ein beträchtliches Stück Land zugewachsen, das eine verwaltungsmäßige Neustrukturierung erforderte.

Folgerichtig finden wir im Jahre 1240 einen Meinhardus scriba ducis in Aneso (= Meinhard, Schreiber des Herzogs in Enns) erwähnt. Eines Herzogs Schreiber war aber nicht irgendein Kanzleibeamter, sondern eine einflussreiche Persönlichkeit. Somit war die Stadt an der Enns abermals zum Verwaltungszentrum einer sich neu herausbildenden Region geworden, die in den Garstener Annalen sechs Jahre später als superiores partes (= obere Teile) des Landes Österreich bezeichnet wurde. In diesem Begriff klingt erstmals der Name "Oberösterreich" an. Dem Chronisten war aufgefallen, dass die Adeligen und Dienstmannen zwischen Traun und Enns auf der einen Enns und Ybbs auf der anderen Seite zusammen einen eigenen geschlossenen Verband bildeten. Zentrum diese räumlichen Gebildes war zunächst Enns.

Im Jahre 1246 starb mit Friedrich II. der letzte männliche Spross der Babenberger. Um die Nachfolge in den Herzogtümern Österreich und Steier setzte nun ein jahrelanges Gerangel der benachbarten Fürsten ein, aus dem Herzog Ottokar von Böhmen 1251 als Sieger hervorging. In den fünf Jahren dazwischen hatten sich die Großen das Land aufgeteilt und eigene Gerichtssprengel gebildet, in denen sie das Hochgericht, also das Urteilsrecht über Leben und Tod beanspruchten. Zu ihnen zählten die Herren von Volkenstorf, ursprünglich steirische Dienstmannen aus der Gegend von Gleink, die sich zwischen St. Florian und Enns eine Burg erbaut hatten.

Herzog Ottokar hat diese Landgerichtssprengel zunächst nicht anerkannt und die schweren Fälle nach wie vor von Reiserichtern ahnden lassen. Wohl aber behielt er das Amt des scriba Anesi, des Landschreibers in Enns bei. Mit Witigo setzte er in diese Position einen Mann seines Vertrauens aus seiner böhmischen Heimat ein. Dieser geriet 1255 bei einem Gastmahl im Kloster St. Florian mit Ortolf von Volkenstorf in Streit. Ihm war eine alte baierisch-germanische Weisheit offensichtlich noch nicht bekannt, derzufolge Gäste am wenigsten argwöhnisch und deshalb am leichtesten umzubringen sind. Er fiel von der Hand des Volkenstorfers, der hierauf geächtet das Land verlassen musste. Seinen Landgerichtssprengel übernahm Konrad von Sommerau, der seinen Stammsitz östlich der Enns bei Sindelburg hatte und dort auch Landgerichtsherr gewesen ist. Im Jahre 1264 übernahm der Sommerauer in Linz als iudex provincie Austrie superioris (= Richter der Provinz des oberen Österreich) den Vorsitz in einer Versammlung. Er kann damit mehr oder weniger als "erster Landeshauptmann" von Oberösterreich angesprochen werden. Deutlicher noch wird diese Position nach 1274, als sich König Ottokar auf einen Kampf mit dem neu gewählten König Rudolph von Habsburg vorbereitete. Er setzte dafür einen Militärkommandanten für das "obere Österreich" ein, der sowohl caPitaneus Anasi (= Hauptmann von Enns) als auch caPitaneus Austrie superioris (= Hauptmann des oberen Österreich) genannt wurde. Auch hier klingt wiederum in der Titulatur der Name Enns durch.

König Rudolph I. musste an den baierischen Herzog Gebiete verpfänden, um ihn zum Partner gegen König Ottokar zu gewinnen. Er überließ ihm das erst im Entstehen begriffene Land ob der Enns, allerdings nur bis zur Ennsgrenze im Westen. Dadurch wurden die Gebiete östlich davon abgeschnitten und blieben es auch, als die Pfandschaft wieder eingelöst wurde. Enns rückte dadurch abermals vom Zentrum einer neuen Verwaltungseinheit an deren Rand. Noch 1273 war mit Gozzo (von Krems) ein procurator Anasi genannt worden, dessen Sohn Irnfried als „Pfleger ob der Enns“ bezeichnet wurde.